Interview mit Matilda Agency. Wie einfach ist es, sich fair zu kleiden?

 

Matilda Agency ist eine Handelsagentur mit dem Grundkonzept nachhaltiger Mode. Hinter dem Namen steckt Alexandra Tynski.

Lange hat Alex im Einzelhandel angesagter Boutiquen, wie dem Essener cob, auf der Rüttenscheider Str. 34b gearbeitet. Hier, sowie auf Messen und in Showrooms, hat sie den Modemarkt, die Bedarfsstruktur der Kunden und deren Kaufverhalten kennengelernt. Nun etabliert sie mit ihrer Agentur Matilda Agency bereits lange bestehende Labels, wie ATO Berlin und junge nachhaltige Labels wie Greenbomb, auf dem Modemarkt. Sie begleitet Collectionsbesprechungen und Fotoshootings der Labels und ist das Gesicht für die Boutiquen und Läden, die ihren Kunden nachhaltige Mode anbieten möchten.

www.matilda-agency.de

Shooting von ATO BERLIN und den schönen Accessoires von ELEKTROPULLI mit dem Fotografen Dominik Scharf

Shooting von ATO BERLIN und den schönen Accessoires von ELEKTROPULLI (Foto Dominik Scharf)

Alex, Du bringst mit Deiner Agentur Matilda Agency das Angebot von ATO Berlin, Greenbomb und Electropulli in die Läden. Warum genau diese drei Labels?

Ich Kenne ATO Berlin bereits seit acht Jahren. Schon damals war ATO eines von wenigen Labels, die innerhalb von Europa, nämlich in Portugal produziert haben. ATO Berlin haben die Tatsache, dass es sich bei dem Label um nachhaltige Kleidung handelt nie so an die große Glocke gehangen. Genau das finde ich sehr sympathisch. Zudem ist es ein sehr bodenständiges Label. Es gibt viele Second Hand Läden, beispielsweise in der Niederlande, die ATO Berlin verkaufen. Sich von der aktuellen Wegwerfkultur zu distanzieren und Kleidung wiederzuverwenden anstatt neu produzierte Ware zu kaufen, ist eben ein großer Teil des Nachhaltigkeits-Gedankens.
Bei ATO Berlin ist es auch das Gesamtpaket mit den Menschen hinter dem Label, dass bereits seit über 25 Jahre besteht. Also ich kann sagen – ATO Berlin lebt seit 25 Jahren den Gedanken fairer Mode. Der Designer fährt auch selbst zu den Produktionsstätten nach Portugal um sich über die Arbeitsbedingungen zu versichern. Die Produktionsstätte und ATO Berlin sind sich inzwischen so nah, wie eine Familie.

Greenbomb ist ein noch sehr junges Label, die ich selbst im Einzelhandel verkauft habe. Es ist ein absolutes Vorzeigeprodukt. Gerade im Bereich der nachhaltigen Mode. Greenbomb hat alle Zertifikate erworben. Sogar die Farben, die Greenbomb für die Prints in ihrer eigenen Druckerei verwenden, sind zertifiziert. Sowas unterstütze ich einfach gerne. Greenbomb hat gesucht und ich war quasi zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Elektropulli habe ich auf dem Bochumer Yard Design Markt kennengelernt. Wir kamen durch die wundervollen Taschen der Designerin ins Gespräch. Sie hat mitbekommen, dass ich eine Handelsagentur für nachhaltige Mode betreibe. Naja. Und dann hat sie mich nett gefragt.
Die Materialien kauft Electropulli in der Türkei und in Portugal ein. Das ist nicht zertifiziert. Die Taschen werden allerdings in Deutschland genäht. Handmade in Germany also.

Matilda

Alexandra Tynski trägt einen Blaze von Studio jux / Bluse von People Tree / Hose von MUG Jeans

Allgemein kann man sagen, dass in den letzten 45 Jahren das Angebot an fairen Produkten gestiegen ist. Besonders in den letzten Jahren auch im Modebereich. Wie würdest Du das Angebot fairer und grüner Mode auf dem deutschen Markt beschreiben?

Absolut tragbar. Ich finde es nicht mehr “öki”. Das Design hat sich extrem modisch entwickelt. Das sieht man auch auf der Ethical Fashion Show in Berlin. Die Messe wächst von Jahr zu Jahr. Ich bin jetzt das dritte Jahr dort. Zweimal als Aussteller. Vorher als Einkäufer. Ich könnte mich dumm und dämlich kaufen bei diesem Angebot an nachhaltiger Mode.

Würdest Du sagen, es ist schwer an faire und grüne Mode zu kommen. Auch als jemand, der sich noch nie mit diesem Thema auseinander gesetzt hat?

Also man muss schon in die kleinen Boutiquen gehen. Die scheinen gerade ganz bewusst ihr Angebot umzustellen und faire, nachhaltige Mode anzubieten, da sie merken, dass die Nachfrage einfach inzwischen sehr, sehr groß ist. Aber ich würde vermuten jeder kennt seine Viertel, wo genau diese Läden zu finden sind. Meist reicht eine kurze Frage. Es ist inzwischen einfach an nachhaltige Mode zu kommen.

Wie stehst Du zu Aktionen, wie der Conscious Linie von H&M? Die Linie ist nicht fair produziert, besteht allerdings aus recycelten Materialien.

An sich finde ich das gut. Die Unternehmen merken einfach, dass sich bei den Konsumenten inzwischen das Bewusstsein für nachhaltige Mode entwickelt hat. Leider ist es bei diesen riesen Marken wie H&M einfach eine Geldgeschichte. Nachhaltigkeit ist gerade sehr gefragt und daraus wollen auch große Warenhäuser wie H&M Profit schlagen. Deswegen investieren sie auch nicht in Zertifikate. Zertifizierungen kosten einfach Geld. Trotzdem versuchen sie den Gedanken der Nachhaltigkeit mit zumindest einem kleinen Teil ihrer Produkte zu verbinden. Ich finde es hat damit seine pro und contra Seiten. Die Conscious Linie zu kaufen ist definitiv eher nachhaltig, als Produkte aus dem regulären Angebot von H&M zu kaufen. Wenn Du aber zu H&M gehst, dich von oben bis unten, von Socke bis Ohrring, einkleidest und in dieser Auswahl ist vielleicht eins von zehn Teilen aus der Conscious Linie, dann hat man am Ende nicht nachhaltig Eingekauft, sondern einen Großeinkauf bei H&M erledigt. Schauen wir zusätzlich in den Innenlabels der Kleidung nach den Produktionsstätten. Neben China und Bangladesch wird sich, auch in der Conscious Linie, nicht viel finden lassen. Das ist für mich nicht nachhaltig. Wenn Du dir die Schilder der Conscious Linie im speziellen durchliest, dann sind die Produkte auch nicht 100 Prozent aus recycelten Materialien. Vielmehr sind es meist 60-70 Prozent.
Allgemein ist der Aufwand für wirklich faire und nachhaltige Modelabels enorm groß um wirklich nachhaltig zu sein. Wenn ich als Konsument nun ATO Berlin mit der Conscious Linie von H&M bezüglich der Nachhaltigkeit gleichstelle, dann ist das schlicht falsch und tut dem tatsächlich fairen Label Unrecht.

Das heißt ja dann doch, dass man sich als Konsument mit dem Label auseinandersetzen muss, um zu wissen, ob es wirklich nachhaltig ist.

Man sollte sich Informieren. Inzwischen kann man sich wirklich einfach über ein Label informieren. Billig produziert ist und bleibt am Ende auch für den Geldbeutel billig. An dieser Stelle kann und muss jeder für sich selbst entscheiden, ob es einen,… ja ich sag mal, glücklich macht.

Jetzt hast Du ja bereits gesagt, dass das Angebot fairer und grüner Mode groß verbreitet ist. Sei es im Internet oder in den Läden. Warum glaubst Du wissen so viele Menschen nicht, wo sie faire und grüne Kleidung bekommen und damit nicht gezielt fair und grün kaufen, obwohl sie gerne würden?

Ich glaube viele suchen halt auch die günstige Variante. Faire Mode und gleichzeitig H&M-Preise gibt es derzeit nicht. Es scheint eine Kopfsache zu sein. Es gibt inzwischen Läden, die zu 100 Prozent nachhaltige Mode verkaufen. Zudem findest Du ja mittlerweile in diversen Modezeitschriften Artikel zu nachhaltigen Labels und auch Shops. Einmal den Namen Deiner Stadt plus “Shops für nachhaltige Mode”, also zum Beispiel ” Bochum Shops für faire Mode” in die Suchmaschine eingeben und zumindest in den größeren Städten findest Du schnell Resultate. Ansonsten ist auch ein großes Onlineangebot verfügbar. Für den ersten Schritt bedeutet das vielleicht einen kleinen Aufwand, aber der ist wirklich minimal.

Zum einen ist es eine Sache, nachhaltige Artikel zu bekommen, zum anderen geht es auch um das Vertrauen in die Produkte. Es ist die Herausforderung für den Konsumenten, sich in dem Label-Dschungel zurecht zu finden. Können Konsumenten sich denn in der Modebranche darauf verlassen, dass fair drin ist, wo fair drauf steht?

Es gibt natürlich viele Zertifikate, die unterschiedliche Versprechungen machen. Nicht alle sind zuverlässig. Das erschwert natürlich die “richtige” Entscheidung beim nachhaltigen Einkauf. Fair Trade und GOTs sind allerdings zuverlässige Zertifikate mit hohen Richtlinien, die ein Label erst einmal erfüllen muss. Bei Greenbomb habe ich mich mit solchen Richtlinien bereits auseinandergesetzt. Für ein Label sind die Richtlinien wirklich hart. Das Zertifikat wird den Labels nicht geschenkt.

Die Shops die Du mit Deinen Labels versorgst sind individuelle, kleinere Läden. Warum wendest Du dich nicht an Kaufhäuser?

In Kaufhäusern steht leider nicht die Nachhaltigkeit im Mittelpunkt sondern einfach und “schnell das richtige finden”, daher verliert sich so ein Label mit genau diesem Aspekt in konventionellen Kaufhäusern.

Die Läden oder Kaufhäuser gestalten die Preise für jede Mode indem sie eine Marge berechnen, damit die Kosten für den Laden gedeckt werden können. Diese Marge der Shops nimmt im Verhältnis zu den anderen Kosten, bspw. eines T-Shirt, wie Material, nähen und Transport, den Verhältnismäßig größten Teil der Kosten ein. Findest Du das gerechtfertigt? Sollte die Marge größer oder kleiner sein?

Ich finde bezogen auf unsere europäischen Verhältnisse, ist die Marge gerechtfertigt. Einzelhändler müssen auch erst einmal von ihrem Laden leben können. Der Aufwand ist sehr groß, bedenkt man beispielsweise nur die Einrichtung oder den dauerhaften Tüten- und Belegverbrauch. Kleine Boutiquenbesitzer sind sich meist von vornherein bewusst, dass der Laden sie nicht von Anfang an reich macht. Die Marge klingt groß, ist vom Verhältnis her aber ok. Oft geben die Labels ja auch den Verkaufspreis vor, da die meisten auch online vertreten sind. Würdest Du als Boutique die Preise um nur ein paar Euro gegenüber dem Onlinepreis anheben, würden die Käufer nicht mehr zu dir kommen, sondern nur noch online einkaufen, leider. Manche kaufen zwar lieber im Laden und akzeptieren einen etwas höheren Preis, dieser Anteil ist aber erschreckend gering.

Glaubst Du, dass sich jeder, von Kopf bis Fuß, nachhaltig kleiden kann?

Ich bin mir da ziemlich sicher. Als erstes kommt einem natürlich die Alarm-Meldung “teuer!” in den Sinn.
Die Frage ist ja die: Möchtest Du Dir ein Markenshirt, zum Beispiel von einer angesagten Skater Marke für 30 Euro kaufen oder ein faires Shirt wie von ATO Berlin oder Greenbomb für den gleichen Preis. Es gibt überall alles von Socken, Brillen, Schmuck. Alles zertifiziert. Der größte Teil ist teurer als viele In-Labels. Dennoch gibt es ja auch hier Ausnahmen. H&M Preise werden unter den angestrebten Bedingungen aktuell einfach nicht realisiert werden können. Wenn Du nicht jedes Wochenende ein neues Partyoutfit brauchst, dann musst Du für ein ordentliches Aussehen nicht mehr Geld ausgeben als bei nicht fair und grün produzierte Kleidung. Du hast nur nicht diesen überquellenden Kleiderschrank. Trotzdem ist es machbar sich auf nachhaltige Kleidung festzulegen. Nicht zuletzt sind aktuell auch Flohmärkte total in. Spätestens damit kann man seinen Kleiderschrank auch extrem günstig randvoll bekommen. Jeder der was anderes behauptet … ist eine Idiot.(kichert)

Was glaubst Du, muss sich in der Modewelt noch tun?

Nachhaltige Mode sollte normal werden. Fair Trade sollte Normalität sein. Die Entwicklung der Mode geht in den letzten Jahren absolut in die richtige Richtung. Das sehe ich auf der Ethical Fashion Show. Die Messe wird immer größer und professioneller. Die Besucherzahlen steigen.
So schön das auch mit den Zertifikaten ist, finde ich es auch schade, dass es Geld kostet. Gerade für Newcomer in der ethical Fashion sind diese Summen enorm für die Zertifikate. Ich finde es sollte staatlich subventioniert werden. Gerade da beginnt nachhaltige Mode ja normal zu werden.

KBom